Bewährungsprobe für den Euro - Die nächsten Tage werden spannend
"Ich sehe schon Licht am Ende des Tunnels, ein Ende der Krise ist in Sicht", so lässt sich Italiens Ministerpräsident Mario Monti in diesen Tagen zitieren. Und tatsächlich konnten zumindest die aktuell erzielten Renditen bei den Auktionen von italienischen Staatspapieren diese These stützen. Nachdem gestern schon für dreijährige italienische Bonds nur noch knapp über drei Prozent Zinsen gezahlt werden mussten - vor einem Monat wurde Italien diese Papiere nur für 4,86 Prozent los -, gingen heute die Auktionen von Anleihen mit fünf- und zehnjähriger Laufzeit auch mehr als reibungslos über die Bühne. Italien konnte sich deutlich günstiger refinanzieren als noch vor einem Monat. Die Rendite für die Langläufer lag nur noch bei 5,82 Prozent und damit 14 Basispunkte niedriger als im Vergleich zu Ende Juli, bei den fünfjährigen Bonds betrug der Abschlag sogar 56 Basispunkte, die Rendite lag bei 4,73 Prozent.

Hat sich die Lage in Italien wirklich so dramatisch verbessert, wie sich Monti und Bundeskanzlerin Merkel bei ihrem Treffen mehr als einmal gegenseitig versicherten? Merkel lobte die Reformbemühungen Italiens als "eindrucksvoll" und ist "persönlich überzeugt, dass diese Bemühungen Früchte tragen werden". "Italien hat große Erfolge erzielt, und die Märkte sind dabei, diese Erfolge auch anzuerkennen", erwiderte Monti zugleich. Wahrscheinlich hatte er kurz zuvor von seinem Finanzminister die niedrigeren Finanzierungskosten seines Landes am Anleihemarkt übermittelt bekommen.
Diese spiegeln in meinen Augen allerdings noch lange nicht eine sich verbessernde wirtschaftliche und finanzielle Verfassung Italiens wider. Vielmehr ist dort wohl sehr viel Hoffnung auf die Umsetzung der Ankündigungen vom anderen Mario enthalten. Die Finanzmärkte vertrauen darauf, dass EZB-Präsident Mario Draghi auf dem nächsten EZB-Treffen am 06. September seine Pläne für den Anleihekauf von Ländern wie Italien und Spanien konkretisiert und zeitnah in die Tat umsetzt. Diese Hoffnung ist es auch, die die europäische Gemeinschaftswährung, wenn auch noch auf sehr niedrigem Niveau, zumindest stabilisiert. Nachdem der Euro noch Ende Juli drohte, unter die Marke von 1,20 zum US-Dollar zu fallen, freundet er sich langsam aber sicher wieder mit der Region um 1,25 USD an und wartet auf neue Impulse. Und genau diese kommen unter anderem am morgigen Freitag in Form der mit Spannung erwarteten Rede vom US-Notenbank-Präsidenten Ben Bernanke in Jackson Hole.
Zwar erhöhe sich das Wachstumstempo der US-Wirtschaft laut Konjunkturbericht "Beige Book" nur in kleinen Schritten, dennoch sind die Anzeichen für eine Besserung vor allem am für die Amerikaner sehr wichtigen Immobilienmarkt nicht zu übersehen. Ich gehe deshalb davon aus, das Bernanke eine Sprache finden wird, die zwar eine dritte Runde von Wertpapierkäufen (QE3) in Aussicht stellt, aber den zeitlichen Rahmen offen lässt. Bis zum Jahresende läuft mit der "Operation Twist" noch ein Anleihetauschprogramm, welches dann Platz für QE3 machen könnte. Zumal auch die dann abgeschlossenen Präsidentschaftswahlen die im Vorfeld eventuelle fehlende Distanz zwischen Notenbank und Politik wieder herstellen würden.
Nur die Frage ist, ob die Finanzmärkte mit diesen Aussagen leben können, oder doch eher ihrer Enttäuschung kurzfristig Luft machen und damit den Euro einer harten Bewährungsprobe unterziehen. Eine sinkende Wahrscheinlichkeit von QE3 würde nicht nur einerseits den Dollar infolge ausbleibender Inflationsängste stärken, sondern zusätzlich den Euro belasten, da alle in den vergangenen Wochen zurück gekehrte Risikofreude die spürbare Lethargie an den Börsen mit einem Schlag beenden könnte. Wäre da nicht der nächste schon angesprochene Termin, in den man all die Hoffnungen auf noch mehr Liquidität legen kann. Von den Rocky Mountains geht es dann über den Atlantik nach Frankfurt, wo man dem in Jackson Hole noch durch Abwesenheit glänzenden Mario Draghi an den Lippen hängen wird, was er gegen die Krise und für mehr Vertrauen in den Euro tun wird.

Die nächsten Tage werden also zeigen, was die vermeintliche Stabilität des Euro in den vergangenen Wochen wirklich wert ist. Sorgen bereitet mir die immer geringe werdende Volatilität auch durch die aktuell sehr geringen Umsätze am Devisenmarkt. Es könnte die Ruhe vor dem Sturm sein. Nach Rückkehr aller Marktteilnehmer aus dem Urlaub sollte der September, aber nicht nur deshalb, ein interessanter Monat werden. Mit der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichtes am 12. September zur Rechtmäßigkeit des Rettungsschirmes blickt die gesamte Welt dann nach Karlsruhe. Dann wird sich zeigen, ob das von Optimist Monti erblickte Licht am Ende des Tunnels tatsächlich den Weg in die Lösung der Krise weist oder salopp formuliert nur ein entgegen kommender Zug war.
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Torsten Gellert

