Europa hat gewählt – Unsicherheit über politischen Kurs wird Euro weiter belasten

Das Überraschendste des gestrigen Wahlsonntages – und zugleich für die Zukunft des Euro Unwichtigste – war das Ergebnis der FDP, die mit über acht Prozent in den Landtag in Schleswig-Holstein einzieht. Die Musik spielte dagegen an den viel bedeutenderen Schauplätzen Paris und Athen. Nicht überraschend war der Sieg des Sozialisten Francoise Hollandes gegen Amtsinhaber Nicolas Sarkozy, das hatten Umfragen schon vorhergesehen. Spannend blieb es dagegen bis zum Schluss in Athen. Auch heute am Tag nach der Wahl ist noch nicht ganz klar, wer in Griechenland in Zukunft das Sagen hat. Die Angst vor einer instabilen politischen Lage beim größten Wackelkandidaten Europas schickte die Börsen und den Euro heute erst einmal Richtung Süden.

 

Nun sind Frankreich und Griechenland bezüglich ihrer aktuellen Situation nicht unbedingt zu vergleichen, doch haben sie eines gemeinsam: Die Menschen in beiden Ländern haben sich bei der Wahl gegen den strikten Sparkurs ihrer Regierungen entschieden und damit der aktuellen Strategie und den Maßnahmen der Eurozone, die Schuldenkrise zu lösen, eine Absage erteilt. Aber bedeutet dies nun das Ende einer gemeinsamen europäischen disziplinierten Haushaltspolitik und werden damit die Finanzmärkte langfristig das Vertrauen in den Euro verlieren? Davon gehe ich zwar nicht aus, dennoch werden sich die Märkte und der Euro schwer tun, sich in den nächsten Wochen der Unsicherheit über den zukünftigen politischen Kurs in Europa zu behaupten.

 

Der Sozialist Francoise Hollande als neuer französischer Präsident wird zwar einige seiner Versprechen, die er im Wahlkampf gemacht hat, überdenken müssen. Er wird aber auch einiges in Brüssel durcheinander wirbeln, da bin ich mir sicher. So ist es kaum vorstellbar, dass man den Fiskalpakt nun komplett neu verhandelt und substantielle Dinge wie die Schuldenbremse aus dem Vertragstext streicht. Allerdings wurden schon im Vorfeld seines Wahlsieges und nicht nur aus Paris Forderungen nach einer zusätzlichen Komponente Wachstum in diesem bisher auf das Sparen ausgerichteten Vertrag laut. Ein solches Zugeständnis in Richtung Wachstum und Beschäftigung wird kommen müssen, um langfristig einen Bruch zwischen dem Norden und dem Süden Europas und damit ein Ende der Eurozone zu verhindern.

 

Darauf setzen auch die Menschen in Griechenland, die ihrer Regierung einen noch größeren Denkzettel für ihre bisherige pro-europäische Politik verabreicht haben. Die Lage in Athen ist aktuell noch unsicher. Hier ist die Frage, ob es den für Brüssel bisherigen verlässlichen Verhandlungspartnern, der konservativen Nea Dimokratia (ND) und der sozialdemokratischen Pasok, gelingt, ohne eine Mehrheit im Parlament mit einem dritten Partner eine Regierung zu bilden. Bis Ende Mai muss eine handlungsfähige Regierung in Athen stehen. So wollen es zumindest die internationalen Geldgeber, die den Hahn für weitere Finanzspritzen aufdrehen müssen. Gelingt dies nicht, rückt ein Austritt Griechenlands aus der Eurozone wieder näher, was aktuell schwer kalkulierbare Folgen für die Eurozone und den Euro hätte.

 

Der Wahlsonntag ist jetzt vorbei, aber die Unsicherheit bleibt. Eine Regierungsbildung in Athen kann mehrere Wochen dauern und Finanzmärkte und Euro werden wie ein Barometer auf jede Nachricht reagieren, die etwas mehr Klarheit in die politische Zukunft des Landes und damit auch der Eurozone bringt. Außerdem werden die Märkte die Auftritte des neuen  französischen Premiers Hollandes verfolgen, inwieweit es ihm gelingen wird, seine Wahlversprechen im Land selbst und in Brüssel durchzusetzen. Die alles entscheidende Frage der nächsten Monate wird sein, ob und wie es der Eurozone gelingt, Impulse für Wachstum und Beschäftigung zu setzen, ohne das Sparziel aus den Augen zu verlieren.

 

 

Diese Frage wird aber nicht in dieser und auch nicht in der nächsten Handelswoche beantwortet werden. Ein Gradmesser für eine mögliche Änderung der politischen Kräfteverhältnisse in Europa könnten in dieser Woche die Auktionen von neuen Anleihen sowohl in Frankreich als auch für den Europäischen Rettungsschirm EFSF werden. Ich rechne beim Euro in den nächsten Tagen mit einem Test der unteren Grenze des Korridors 1,30 bis 1,35 USD und schätze die Gefahr höher ein, dass er diese Range nach unten verlässt und das alte Tief bei 1,26 USD noch einmal ins Visier nimmt. Nicht zu vergessen bleiben dabei auch die enttäuschenden A rbeitsmarktzahlen vom Freitag aus den USA, die den Risikoappetit der Investoren auch nicht gerade beflügelt haben und die Frage aufkommen lassen, ob die amerikanische Wirtschaft tatsächlich das Gröbste schon hinter sich hat.

 

Torsten Gellert, Managing Director FXCM Deutschland

 

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